Kunstwerk des Monats

Kunstwerk des Monats Juni 2020

Zyklus „Architektur“, Blatt 18, Glas-Eisenhaus im Meere, 1925, Radierung, 33,2 x 31,6 cm (trapezförmig)

1925 widmet Wenzel Hablik sich mit dem Radierzyklus „Architektur“ ein letztes Mal der utopischen Architektur zu, einem Werkbereich, der ihn rund zwei Jahrzehnte wiederholt beschäftigte. Auf zwanzig Blatt fasst er seine Arbeit zum Wohnen einer Gesellschaft von Übermorgen zusammen. Die durch die Radiertechnik gegebene serielle Produktion und Handlichkeit der Grafiken sollte es Hablik ermöglichen, seine Ideen einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Er versendet den Zyklus noch bis Anfang der 1930er Jahre an Freunde und Interessierte.

In einem Manifest, das als Einleitung zum genannten Zyklus „Architektur“ fungiert, beschreibt Hablik einen „neuen Geist in [der] Architektur“, der die „Basis für eine neue Religion und Weltanschauung, den Zusammenhang der Völker der Erde“ bilden sollte. Der Zyklus gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil der Radierfolge nimmt auf neun Blatt unter dem Motto „Übergangsbauten“ vorangegangene Entwürfe für Ausstellungsgebäude auf, die jetzt den Titel Grand Canon Bauten tragen. Zum zweiten 11 Blatt umfassenden Teil mit dem Thema „Utopien“ gehören die Dome und freitragenden Kuppeln, die kristallinen Landschaften aus der Zeit der Gläsernen Kette (1919/1920) und die elf Jahre zuvor entstandenen Entwürfe für fliegende Siedlungen.

Zum zweiten Teil des Zyklus gehört das Blatt 18, das wie alle Bildmotive von einer trapezförmigen Platte auf ein quadratisches Papier gedruckt wurde. Es zeigt aus der Untersicht ein „Glas-Eisenhaus im Meere“, wie eine Beischrift in eckiger Versalschrift über Funktion und Materialien gleichermaßen informiert. Die weiter als „technische Insel“ ausgewiesene Konstruktion „kann bei Sturm tauchen“. Ein Großteil des „Glas-Eisenhaus[es]“ – wie das kegelförmige Unterteil – befindet sich unter der Wasseroberfläche. Die Konstruktion erinnert an eine Wasserboje in Form eines Doppelkegels. Vier Seile verankern die „technische Insel“ mit dem Meeresboden. Andockstationen für U-Boote ermöglichen die Hin- und Abfahrt.

Das Glas-Eisenhaus im Meere ist neben neun weiteren Radierungen aus dem Zyklus „Architektur“ in der Jubiläumsausstellung Glashäuser, Luftgebäude und Sternengrüße. Utopien des Bauens. Wenzel Hablik und der Briefzirkel »Gläserne Kette« zu sehen. Die Lauftzeit der Ausstellungs ist bis zum 16. August 2020 verlängert.

Kunstwerk des Monats April 2020

Cyklus utopische Architekturen. Flugzeugtürme, Silos, Künstlerwohnungen, 1921, Öl auf Leinwand, 94 x 189,5 cm

Das Ende der Gläsernen Kette – einem Briefzirkel von Architekten und Künstlern, die ein Jahr lang Vorstellungen einer utopischen Architektur in kristallinen Formen verhandeln – im Dezember 1920 ist für Wenzel Hablik eine große Enttäuschung. Seine Bemühungen den Architekten Bruno Taut, der inzwischen als Stadtbaurat in Magdeburg tätig ist, für eine Weiterarbeit zu begeistern laufen ins Leere. Hablik lässt sich dennoch nicht beirren und hält am Thema utopische Architektur fest.

Zur Sicherung seines in Zeichnungen erarbeiteten Formenkanons und der Verankerung in der Alltagswelt überträgt er das utopische Sujet in das Medium des Gemäldes. Im Mai 1921 malt er drei Ölgemälde; wozu auch Cyklus utopische Architekturen. Flugzeugtürme, Silos, Künstlerwohnungen zählt.

Hablik hoffte vermutlich die Ölbilder mit utopischen Architekturensembles als festen Bestandteil seiner Innenarchitektur und Innendekoration an Käufer zu bringen. Ein Ölgemälde mit dem ungewöhnlichen Sujet der Kristallarchitektur als Teil der von Hablik entworfenen Innenarchitektur hatte er bereits 1914 an den Itzehoer Tapetengroßhändler Carl Stein und damit in eines der angesehensten Häuser der Stadt gebracht. Dies bot für Hablik eine Möglichkeit, die utopischen Ideen im Kreis seiner Sammler und Auftraggeber zu verankern.

Im Gemälde Cyklus utopische Architekturen. Flugzeugtürme, Silos, Künstlerwohnungen überträgt Hablik einige vorangegangene Architekturentwürfe in die Malerei. Die pseudosymmetrische Komposition mit einem zentralen Kristallbaum und flankierenden Türmen aus Kristallkuben folgt einem strengen Aufbau. In den Bauten lassen sich Architekturen, die aus den Blättern „Doppel-Wohnhaus“, „Aus der neuen Stadt“ und „Wohnhaus und Atelier“ stammen, ausmachen. Kreisrunde Wolkenbänder vor einem fahlgelben, von Lichtblitzen durchzuckten Himmel glorifizieren die utopischen Architekturen. Die Buntfarbigkeit des Gemäldes – sprich die leuchtende Farbigkeit aus kleinen kontrastreich kombinierten Flächen – orientiert sich an der Farbbehandlung der Expressionisten und der Fauves, insbesondere an den Farbkompositionen Robert Delaunays.

Die Einbindung der monumentalen Architekturen in eine bergische Landschaft, die von Terrassen mit Baumbewuchs und Wiesenflächen gekennzeichnet ist, entspricht Habliks Anspruch eine Einheit von Natur, Kunst und Technik zu erreichen.

Foto: Salon im Haus Carl Stein, 1914, Aufnahme um 1920

Kunstwerk des Monats März 2020

Wenzel Hablik, Freitragende Kuppel, 1919, Aquarell, Farbstifte, Bleistift auf Karton, 64,9 x 50 cm

Die „Freitagende Kuppel“ die Wenzel Hablik im Jahr 1919 entwirft, zeigt die Innenansicht eines oktogonalen Zentralbaus der in eine Kuppelkonstruktion aus übereck liegenden Galerien übergeht. Eine Konstruktion die nach Habliks Auffassung eine fast unbegrenzte Kuppelspannweite – „30 bis 1000 m D.M.“ – ermöglichen soll und die er in seinen utopischen Architekturentwürfen wiederholt aufgreift.

In dem Gebäude sollen sich Glas, Prismen, Farbe und Licht zu einer Rauminszenierung verbinden. Das Brechen des Lichts auf den farbigen Wänden lässt den Innenraum scheinbar aus sich selbst heraus erstrahlen.

Habliks Anspruch eine neue Einheit von Natur, Kunst und Technik zu erreichen teilt der Architekt Bruno Taut mit seinem Glashaus, das für die Werkbund-Ausstellung 1914 in Köln als Reklame-Pavillon der Glasindustrie entstanden ist. Hablik, der das Glashaus dort vermutlich gesehen hat, entwarf im selben Jahr einen ähnlichen Schautempel mit einer freitagenden Kuppelkonstruktion, die als begehbarer Umgang und Ausstellungsfläche gedacht war.

Als Taut im Herbst 1921 eine Zeitschrift mit dem Titel Frühlicht als „Folge für die Verwirklichung des neuen Baugedankens“ herausgibt, veröffentlicht Hablik dort einen Aufsatz über „Die freitragende Kuppel und ihre Variabilität, unter Berücksichtigung verschiedener Materialien und Verwendungsmöglichkeiten“ mit Grundrissen, Bauentwürfen und Detailplänen. Die Kuppelbauten und Türme nach dem von ihm erfundenen Prinzip übereck liegender „Eisenkonstruktionsringe“ sollen eine kristalline Architektur aus „gesetzmäßig ausgerichteten“ Modulen ermöglichen.

Die Freitragende Kuppel ist noch bis zum 14. Juni 2020 zu sehen in der Jubiläumsausstellung des Wenzel-Hablik-Museums Glashäuser, Luftgebäude und Sternengrüße. Utopien des Bauens. Wenzel Hablik und der Briefzirkel „Gläserne Kette“. Eine Reproduktion der aquarellierten Bleistiftzeichnung ist Teil der Ausstellung Bruno Taut: Beyond Fantasy, die am 6. März 2020 im Museum Het Ship in Amsterdam eröffnet.

Kunstwerk des Monats Februar 2020

Wenzel Hablik, Museum im Hochgebirge, 1920, Aquarell, Tusche auf Karton, 60,6 x 45,5 cm

Vor 100 Jahren tauschten sich in der Gläsernen Kette, einem der berühmtesten Briefzirkel für Architekten und Künstler des letzten Jahrhunderts, die Architektur- und Kunstavantgarde – unter Ihnen Wenzel Hablik – ein Jahr lang über utopische Architekturvisionen und Gesellschaftsutopien aus. Geboren aus dem Geist der Novemberrevolution 1918 gründet sich nach dem Vorbild der Arbeiter- und Soldatenräte zunächst der Arbeitsrat für Kunst (AfK), dessen Gründungsmitglieder die Architekten Bruno Taut und Walter Gropius umfasst. Der AfK unternimmt den Versuch aktiv an der Gestaltung der neuen politischen Ordnung teilzunehmen und die Architektur als Träger aller geistigen Kräfte zu etablieren. Es gibt aufgrund der wirtschaftlichen Not jedoch kaum Bauaufträge.

Wenzel Hablik macht in der vom AfK initiierten Ausstellung für unbekannte Architekten in Berlin mit utopischen Architekturentwürfen auf sich aufmerksam. Darauf wird er im Dezember 1919 von Taut aufgefordert an einem Briefwechsel, der später unter dem Namen Gläserne Kette bekannt wird, zum Thema des utopischen Bauens teilzunehmen. Als Geheimbund begriffen, verwenden die Mitglieder des Briefzirkels Decknamen und kommunizieren nur durch Rundbriefe und Architekturentwürfe in Form von Lichtpausen miteinander. Sie wollen mit den Mitteln der Architektur die Erneuerung der Gesellschaft vorbereiten und entwerfen in kristallinen Formen die Architektur der Zukunft für eine neue Gesellschaft. Hablik arbeitet insgesamt 26 Zeichnungen mit Hektografentinte auf Pergamentpapier aus und entwirft im Laufe eines Jahres eine ganze utopische Welt.

Spezialbauten wie das Museum im Hochgebirge, das Hablik als Lichtpause an die Gläserne Kette verschickt,sind als Lehrbeispiele für die Verbindung von Kunst und Natur gedacht. Die gelb und blau aquarellierte Tuschezeichnung zeigt einen Museumsbau aus den Materialien „Glas, Silber, Gold, Kupfer“. Die äußere Form des aus rechtwinklig verzahnten Kristallfächern konstruierten Baues erinnert an Berg- und Wismut-Kristalle. Sie ist ganz mit schweren Zackenprismen und Tetraedern überkrustet und mit Mäanderformen überzogen. Der Kristall, den der Künstler als höchstes Symbol der Naturschöpfung verehrt, steht in dem Kontext auch für Reinheit und Erneuerung. Die Kristallarchitektur ist eng verbunden mit der Vorstellung, dass die Menschheit in transparenten gläsernen Gebäuden eine befreite Existenz führen wird. Mit einem Strahlenkranz, der die Zackenformen des Bauwerks aufnimmt, versinnbildlicht der Künstler die Überhöhung der idealen, kristallinen Glasarchitektur. So denkt Hablik sich den Museumsbau auch „an schwer zugänglicher Stelle“ im „Hochgebirge“ zu dem „nur wirkliches Interesse [.] den Weg (findet)“.

Das Museum im Hochgebirge wird in der Jubiläumsausstellung Glashäuser, Luftgebäude und Sternengrüße. Utopien des Bauens. Wenzel Hablik und der Briefzirkel »Gläserne Kette« zu sehen sein, die 16. Februar 2020 eröffnet.

Kunstwerk des Monats Januar 2020

Wenzel Hablik, Tischlampe, um 1919, Ausführung Max Lohse, Itzehoe, Messing, Milchglas, 42,5 x 35 x 14 cm

Einen wichtigen Beitrag zur Moderne liefert Wenzel Hablik auf dem Gebiet der angewandten Kunst. In norddeutschen Wohnungen hinterlässt sein Wirken und sein Streben nach der Verwirklichung eines Gesamtkunstwerks Spuren. Zu seinem Repertoire gehören Textilien und Möbel, ebenso verschiedenste Metallarbeiten bis hin zu Kachelöfen und Lampen. Eine um 1919 entstandene Tischlampe entwirft Hablik als Sternenlampe mit hochovalem Corpus und zackenförmigem Kranz.

Diese Lampe stand im Schlafraum des Künstlers, wo auch sein frühstes Sternenhimmel-bild hing. Die Sternenlampe nimmt das Thema der Malerei mit ihren Planeten, Sternen und Kometen des Universums auf.

Für zahlreiche private und öffentliche Interieurs entwirft Hablik sowohl Deckenlampen als auch Tischlampen, die er bei dem Itzehoer Klempner Max Lohse ausführen lässt. Die Lampen nehmen Habliks Utopien nahestehende Motive wie den Stern, Kristall oder die Sonne auf. Der Künstler führt seit 1919 verstärkt Elemente in die Innendekoration ein, die in direkter Beziehung zu seinen kristallinen Architekturutopien stehen. Bereits beim Raumentwurf mitkonzipiert entsprechen die Lampen der avantgardistischen Formensprache des Gesamtkonzepts. Das meist streng geometrische Design der aus Milchglas zusammengesetzten quadratischen oder dreieckigen Lampen mit Messing-Profilen wirkt in seiner Schlichtheit zeitlos.

Ähnliche Ideen für Beleuchtungen entwickelt zur selben Zeit die Gruppe der böhmischen Architekturkubisten um Vlastislav Hofman, Josef Gočár und Pavel Janák. Kubistisch, kristalline und geometrische Formen finden sich in ihren kunsthandwerklichen Arbeiten, die durch die 1908 gegründete Artěl-Kooperative vertrieben werden und die Hablik durchaus bekannt gewesen sein können.

Die Tischlampe des Künstlers steht heute in der Dauerausstellung des Wenzel-Hablik-Museums.

Kunstwerk des Monats Dezember 2019

Wenzel Hablik,  »Cyklus Ausstellungs-Bauten. ›Würfel‹, Variante 3, A 11«, 1914/21, Feder und Pinsel in Tusche, Bleistift, Aquarell auf Karton, 62 × 47,5 cm

Wenzel Hablik widmet sich mit den Ausstellungsbauten nach kristallinen Grundformen innerhalb seiner utopischen Architektur einem Aufgabenbereich, der entgegen einem Großteil seiner expressionistischen Architekturentwürfe aus dem Phantastischen herausrückt und als baubare Architektur vorstellbar ist. Der Künstler entwarf zwischen 1914 und 1925 unterschiedliche Varianten turmartiger Ausstellungsbauten. Die Variante 3, A 11 zeigt einen turmartigen Ausstellungsbau auf quadratischem Grundriss, der aus vier kubusartigen gegeneinander über eck – jeweils um die halbe Grundseite des vorherigen – verdrehten Stockwerken aufgebaut ist. Den Bau bekrönt eine geometrische Glas-Konstruktion. Wege führen zum auf der Spitze eines Hügels gelegenen Bau, in den aus allen vier Himmelsrichtungen eine eigene Tür Einlass gewährt. Hablik inszeniert mit Strahlenkranz und Wolkenglorie eine expressive und idealistische Überhöhung des Bauwerks.

In der 1921 entstandenen Fassung findet sich neben der Betitelung „Cyklus Ausstellungs-Bauten. ›Würfel‹“ deraufschlussreiche Vermerk „Fluss[s]pat“. Ein Hinweis auf den kristallinen Ursprung des Konzepts, wobei der Aufbau aus den aufeinandergeschichteten und um 45° verdrehten Würfeln dem Mineral Flussspat in seiner würfelförmigen Gestalt entspricht. Damit wandte der Künstler das rein geometrische System der Kristalle auf die gesamte Außenarchitektur an. Er hatte erstmals ein in Eisenbeton und Glas auszuführendes architektonisches Äquivalent für den Kristall entwickelt. Dieser galt für den Künstler als höchstes Symbol der Naturschöpfung und stellte bereits die Grundlage seiner ersten utopischen, kristallinen Architekturentwürfe (1903/04) dar, den Frühsten der europäischen Kunstgeschichte überhaupt.

Hablik verfolgte die Überlegung, in seinen utopischen Tempeln und Ausstellungsbauten die Vermittlung von Kultur und die idealisierte Darstellung von Natur und Technik zu einem Instrument der Volkserziehung zu verbinden. Vier frühe Varianten seiner Ausstellungsbauten präsentierte er am 25. März 1919 im Graphischen Kabinett J.B. Neumann am Kurfürstendamm in Berlin in der „Ausstellung für unbekannte Architekten“ den der Arbeitsrat für Kunst in der jungen Weimarer Republik veranstaltete. Die Ausstellungsbauten fanden in der Pressekritik als Vermittler zwischen den zum Großteil phantastischen Entwürfen starke Beachtung. Max Osborn bekannte in der Vossischen Zeitung: „So etwas konnte in ähnlicher Form schon einmal Wahrheit werden“; Paul Fechter schrieb in der Berliner Norddeutschen Allgemeinen Zeitung: „Hier spricht konstruktive Phantasie.“

Das Blatt ziert heute den Wenzel Hablik Kalender für das Jahr 2020 und kann ab dem 16. Februar 2020 in der Sonderausstellung zur utopischen Architektur Habliks im Original betrachtet werden.

Kunstwerk des Monats November 2019

Wenzel Hablik, Studie im Alstercafe, Blick durch die Spiegelscheibe auf die Alster, um 1907, Öl auf Leinwand, 90,5 x 95 cm

Der Blick öffnet sich durch ein Lokalfenster auf die Hamburger Alster. Im Bildvordergrund – im Inneren des Lokals – stehen auf einem Tisch zwei Gläser und eine Etagere mit nicht identifizierbaren Speisen. Die angeschnittene Tischfläche rückt den Betrachter ganz nah ans Bildgeschehen und mit an den Tisch, dessen Abendgesellschaft allein als Spiegelung im Fenster auszumachen ist. Es sind die Gesichter zweier männlicher Besucher und einer Dame mit einem großen Hut und einem Glas in der Hand sowie die Lichter des Lokals, die sich in der Fensterscheibe über den Wassern der Alster spiegeln. Die Bars und Lokale der gegenüberliegenden Uferseite erhellen mit ihrem elektrischen Lichtern die Nacht.

Wenzel Hablik wählte für sein um 1907 entstandenes Ölgemälde ein ungewöhnliches Motiv und einen Bildausschnitt bei dem das Drinnen und Draußen ineinander verschwimmt und sich überlagert. Es sind wenige Farbtöne – das Blau der Nacht und das Gelb des elektrischen Lichtes – die das Bild bestimmen und Vorder- und Hintergrund bzw. die Spiegelung der Lokalgäste im Glas und nächtliche Alster-Szenerie zu einer Einheit verbinden. Habliks experimentelle Umgang mit Farbe und Bildkomposition fällt mit der Entwicklung eines zügigen, expressiven Pinselduktus zusammen, der seine Malerei in dieser Zeit bestimmt. Die Malweise erinnert an die aus dem Pointilismus entwickelte gestrichelte, buntfarbige Malerei von Vincent van Gogh, die Hablik auf der XVI. Ausstellung der Wiener Secession im Frühjahr 1903 gesehen haben könnte.

Auf seinen Reisen nach Hamburg und Berlin zeichnet Hablik bei Besuchen der dortigen Cafés und Bars zahlreiche Porträtskizzen und Genrestudien. Das gesellige Treiben der herausgeputzten Großstadtgesellschaft interessiert ihn als Bildthema. Im heute verschollenen großformatigen Ölgemälde Bar Riche führt er zwei Jahre später in der reich bevölkerten Lokalszene die luxuriösen Ausschweifungen der feinen Gesellschaft und ihre Posen und Grimassen karikaturhaft vor.

Das Ölgemälde Studie im Alstercafe, Blick durch die Spiegelscheibe auf die Alster hängt im Treppenaufgang in der Dauerausstellung des Wenzel-Hablik-Museums.

Kunstwerk des Monats Oktober 2019

Wenzel Hablik, Sammlungsvitrine, um 1919, Eiche, 181,5 x 70 x 70 cm

Die »Wunder der Natur« trägt Wenzel Hablik seit seiner Jugendzeit zusammen: er sammelt Kristalle, Muscheln und Schnecken, später kommen Käfer, Schmetterlinge und Korallen hinzu. Um eine optimale Präsentation dieser »Zauber-Gebilde«, wie er sie nennt, zu erlauben, entwirft er Sammlungsvitrinen für den Eigengebrauch und für seine Auftragsgeber, die auch die benötige Kristallsammlung über ihn erwerben können.

Für das eigene Heim in der Talstraße in Itzehoe entwirft er um 1919 eine große Sammlungsvitrine aus Eiche. Die Vitrine bietet mit vier Glaswänden, sowohl eine optimale Präsentation seiner Kristallsammlung als auch die Betrachtungsmöglichkeit der ausgestellten Naturobjekte von allen Seiten. Ferner schützt sie diese vor Staub und schädlichen äußeren Einflüssen.

An diesem Stück lassen sich auch die Stilelemente ausmachen, die charakteristisch für Habliks Möbel sind: Alle Kanten sind von Auskerbungen überzogen, so dass ein wellenförmiges Band entsteht und die skulpturalen Möglichkeiten des Holzes deutlich werden. Ausgesuchte Maserungen bilden auf den Fülltafeln des Unterschrankes ansprechende Symmetrien. Für Wenzel Hablik, der bereits mit 14 Jahren eine Ausbildung in der väterlichen Tischlerei abgeschlossen hatte und unter anderem an der Kunstgewerbeschule des Wiener Museums für Kunst und Industrie studierte, stellte das Möbeldesign in den 1910er Jahren eine erste konstante Einnahmequelle dar.

Die intensive Betrachtung seiner Kristallsammlung und das Studieren der Naturformen wurde maßgeblich für seine gesamte künstlerische Entwicklung. Die seine Kunst prägenden ästhetischen Prinzipien sind allesamt aus der Natur abgeleitet. Beeinflusst durch die Kunst und Literatur der Romantik, verehrte der Künstler die Natur sogar als höchste schöpferische Kraft und sah im Kristall das bedeutendste Symbol der Naturschöpfung. Nicht nur die Kunst, sondern auch die Natur sollte den Alltag durchdringen und durch direkte Anschauung, wie mit den Sammlungsvitrinen verwirklicht, erfahrbar sein.

Die Sammlungsvitrine steht heute im großen Sternenhimmel-Saal in der Dauerausstellung des Wenzel-Hablik-Museums.

Kunstwerk des Monats September 2019

Wenzel Hablik, Glas aus Erde I, um 1920, Holzschnitt, 16 x 20 cm, veröffentlicht in der Zeitschrift „Dithmarschen“, 2. Jg., 1. Heft, Büsum 1921, S. 19

Nur wenige Holzschnitte haben sich aus der Hand von Wenzel Hablik erhalten. Sie orientieren sich an dem Standard journalistisch veröffentlichter Künstlergraphik, die in Zeitschriften veröffentlicht wurde, wie die literarische und politische „Die Aktion“ oder „Der Sturm“ des Berliner Galeristen Herwarth Walden, und dem Expressionismus zum Durchbruch verhalf.

Wenzel Hablik stellte unter dem Titel „Glas aus Erde I“ neben zwei weiteren Holzschnitten, die er 1921/22 in der Zeitschrift „Dithmarschen“ veröffentlichte, seine utopischen Architekturen, erstmals dem heimischen Publikum vor. Strahlende Facettenkuppeln boten einen knappen Querschnitt durch die Arbeit des vorangegangenen Jahres. Auf Einladung von Walter Gropius hatte Hablik 1919 an der vom „Arbeitsrat für Kunst“ initiierten Ausstellung für „unbekannte Architekten“ in Berlin teilgenommen. Darauf forderte ihn Architekt Bruno Taut am Ende desselben Jahres zur Teilnahme an einem Briefwechsel zum Thema des utopischen Bauens auf. Im Geiste der Aufbruchsstimmung der Revolutionszeit verstanden sich die Mitglieder der Briefgemeinschaft als „imaginäre Architekten“, die den Bau der Zukunft für eine neue Gesellschaft entwarfen. Während eines Jahres schuf Hablik zahlreiche Entwürfe zu utopischen Architekturen in kristallinen Formen. In seinen Zeichnungen wich der symbolische Charakter der frühen Kristallbauten der Utopie eines wirklichen Bauens. Geometrische Muster aus Glasfacetten, Spitzen und Kuppeln aus Glas, vielarmige Türme in Form von Septerquarzen lösten den Bergkristall ab. Der Form des Kristalls entsprach die äußere Gestalt, als Materialien waren bearbeitete Felsen, Glas und Edelmetalle geplant.

In diesem Sinne verweist der Titel „Glas aus Erde I“ auf das Material in dem die mögliche Umsetzung des auf dem Holzschnitt dargestellten Baus gedacht war. Die äußere Form orientiert sich an den Strukturen des Wismut-Kristalls, die wie ein mäandrisches Motiv wirken. Die Architektur steht eindrucksvoll umgeben von Wasser in dem sich der kristalline Glasbau spiegelt und eine ätherische Strahlkraft von ihm zum Himmel ausgeht. Das Blatt zeigt in seiner künstlerischen Ausarbeitung weniger einen präzisen Architekturentwurf (auch wenn der Bau in den Bereich des Möglichen gerückt ist) als den Ausdruck einer Architekturutopie und einer ideellen Gesellschaft der Zukunft; das ausgearbeitet mit den künstlerischen Mittel des expressionistischen Holzschnitts mit seiner Zackigkeit, Dynamik und Abstraktion wie alle Architekturentwürfe Habliks ein eigenständiges Kunstwerk und Sujet darstellt.

Anlässlich der Sonderausstellung „Flächenbrand Expressionismus. Holzschnitte aus der Sammlung Joseph Hierling“ präsentiert das Wenzel-Hablik-Museums den Holzschnitt neben einer kleinen Auswahl in seiner Dauerausstellung im Obergeschoss.

Kunstwerk des Monats August 2019

Wenzel Hablik, Großer Falke, 1923, Messing, Kupfer, Silber, 27,5 x 7,3 x 14,3 cm

1923 schuf Wenzel Hablik (1881-1934) die Metallplastik Großer Falke. Sie gibt die die Gestalt eines Falken in abstrahierter, geometrisierter Form wieder. Prismatisch abgeknickte, scharfkantige Flächen aus Messing- und Kupferblech bilden Krallen, Flügel, Schwanz und Brustkorb des Tieres. Die Kanten, wo die Metallbleche gefaltet oder zusammengelötet wurden, evozieren in Verbindung mit der glatten, glänzenden Oberflächenbeschaffenheit Dynamik und Bewegung. Die Bewegungslinien des Unterkörpers werden vom Schwung des Halses und dem Kopf des Falken mit charakteristisch hakenförmig nach unten gebogenen Oberschnabel gebrochen. Ritzungen in der Materialoberfläche am Hals, Kopf und Schweif deuten das Federkleid in der ansonsten glatt polierten Oberfläche an. Die Zierfigur aus Messingblech erinnert an die frühkubistische Plastik eines Alexandr Archipenko (1887-1964), der die kubistische Geometrisierung der Form von der Malerei in die Plastik übertrug.

Der Falke war ein Lieblingsmotiv des Künstlers. Das Motiv findet sich sowohl in seinem Textildesign, seiner Grafik und Malerei als auch auf dem eigenen Grabstein. Hablik wählt ihn auf einem eigenen Exlibris zum ‚Wappentier‘ (1913), da er sich wohl – seiner Reiselust folgend – selbst als Wanderfalken sah.

Die Kunsthandwerkerin Liane Haarbrücker (1902–1977), die sich in Habliks Werkstatt ausbilden lässt, fertigt bis 1930 Metallarbeiten nach Habliks Entwürfen an. Seit 1921 entstehen aus ihrer Hand Tierfiguren aus Metall. Anders als der Große Falke, der Kunstwerk und reines Schauobjekt ist, sind einige Tierfiguren auch als Gebrauchsgegenstände konzipiert. Diese lassen sich wie eine Dose öffnen und waren zur Aufbewahrung von Gegenständen im alltäglichen Gebrauch. Hablik stellt Großer Falke gemeinsam mit anderen Tierplastiken 1924 in der Sturm-Buchhandlung in der Galerie von Herwarth Walden in Berlin aus. Das Publikum der Großstadt ist begeistert. Heute kann der Große Falke in der Dauerausstellung im Obergeschoss betrachtet werden