Kunstwerk des Monats

Kunstwerk des Monats Oktober

Wenzel Hablik, Sammlungsvitrine, um 1919, Eiche, 181,5 x 70 x 70 cm

Die »Wunder der Natur« trägt Wenzel Hablik seit seiner Jugendzeit zusammen: er sammelt Kristalle, Muscheln und Schnecken, später kommen Käfer, Schmetterlinge und Korallen hinzu. Um eine optimale Präsentation dieser »Zauber-Gebilde«, wie er sie nennt, zu erlauben, entwirft er Sammlungsvitrinen für den Eigengebrauch und für seine Auftragsgeber, die auch die benötige Kristallsammlung über ihn erwerben können.

Für das eigene Heim in der Talstraße in Itzehoe entwirft er um 1919 eine große Sammlungsvitrine aus Eiche. Die Vitrine bietet mit vier Glaswänden, sowohl eine optimale Präsentation seiner Kristallsammlung als auch die Betrachtungsmöglichkeit der ausgestellten Naturobjekte von allen Seiten. Ferner schützt sie diese vor Staub und schädlichen äußeren Einflüssen.

An diesem Stück lassen sich auch die Stilelemente ausmachen, die charakteristisch für Habliks Möbel sind: Alle Kanten sind von Auskerbungen überzogen, so dass ein wellenförmiges Band entsteht und die skulpturalen Möglichkeiten des Holzes deutlich werden. Ausgesuchte Maserungen bilden auf den Fülltafeln des Unterschrankes ansprechende Symmetrien. Für Wenzel Hablik, der bereits mit 14 Jahren eine Ausbildung in der väterlichen Tischlerei abgeschlossen hatte und unter anderem an der Kunstgewerbeschule des Wiener Museums für Kunst und Industrie studierte, stellte das Möbeldesign in den 1910er Jahren eine erste konstante Einnahmequelle dar.

Die intensive Betrachtung seiner Kristallsammlung und das Studieren der Naturformen wurde maßgeblich für seine gesamte künstlerische Entwicklung. Die seine Kunst prägenden ästhetischen Prinzipien sind allesamt aus der Natur abgeleitet. Beeinflusst durch die Kunst und Literatur der Romantik, verehrte der Künstler die Natur sogar als höchste schöpferische Kraft und sah im Kristall das bedeutendste Symbol der Naturschöpfung. Nicht nur die Kunst, sondern auch die Natur sollte den Alltag durchdringen und durch direkte Anschauung, wie mit den Sammlungsvitrinen verwirklicht, erfahrbar sein.

Die Sammlungsvitrine steht heute im großen Sternenhimmel-Saal in der Dauerausstellung des Wenzel-Hablik-Museums.

Kunstwerk des Monats September

Wenzel Hablik, Glas aus Erde I, um 1920, Holzschnitt, 16 x 20 cm, veröffentlicht in der Zeitschrift „Dithmarschen“, 2. Jg., 1. Heft, Büsum 1921, S. 19

Nur wenige Holzschnitte haben sich aus der Hand von Wenzel Hablik erhalten. Sie orientieren sich an dem Standard journalistisch veröffentlichter Künstlergraphik, die in Zeitschriften veröffentlicht wurde, wie die literarische und politische „Die Aktion“ oder „Der Sturm“ des Berliner Galeristen Herwarth Walden, und dem Expressionismus zum Durchbruch verhalf.

Wenzel Hablik stellte unter dem Titel „Glas aus Erde I“ neben zwei weiteren Holzschnitten, die er 1921/22 in der Zeitschrift „Dithmarschen“ veröffentlichte, seine utopischen Architekturen, erstmals dem heimischen Publikum vor. Strahlende Facettenkuppeln boten einen knappen Querschnitt durch die Arbeit des vorangegangenen Jahres. Auf Einladung von Walter Gropius hatte Hablik 1919 an der vom „Arbeitsrat für Kunst“ initiierten Ausstellung für „unbekannte Architekten“ in Berlin teilgenommen. Darauf forderte ihn Architekt Bruno Taut am Ende desselben Jahres zur Teilnahme an einem Briefwechsel zum Thema des utopischen Bauens auf. Im Geiste der Aufbruchsstimmung der Revolutionszeit verstanden sich die Mitglieder der Briefgemeinschaft als „imaginäre Architekten“, die den Bau der Zukunft für eine neue Gesellschaft entwarfen. Während eines Jahres schuf Hablik zahlreiche Entwürfe zu utopischen Architekturen in kristallinen Formen. In seinen Zeichnungen wich der symbolische Charakter der frühen Kristallbauten der Utopie eines wirklichen Bauens. Geometrische Muster aus Glasfacetten, Spitzen und Kuppeln aus Glas, vielarmige Türme in Form von Septerquarzen lösten den Bergkristall ab. Der Form des Kristalls entsprach die äußere Gestalt, als Materialien waren bearbeitete Felsen, Glas und Edelmetalle geplant.

In diesem Sinne verweist der Titel „Glas aus Erde I“ auf das Material in dem die mögliche Umsetzung des auf dem Holzschnitt dargestellten Baus gedacht war. Die äußere Form orientiert sich an den Strukturen des Wismut-Kristalls, die wie ein mäandrisches Motiv wirken. Die Architektur steht eindrucksvoll umgeben von Wasser in dem sich der kristalline Glasbau spiegelt und eine ätherische Strahlkraft von ihm zum Himmel ausgeht. Das Blatt zeigt in seiner künstlerischen Ausarbeitung weniger einen präzisen Architekturentwurf (auch wenn der Bau in den Bereich des Möglichen gerückt ist) als den Ausdruck einer Architekturutopie und einer ideellen Gesellschaft der Zukunft; das ausgearbeitet mit den künstlerischen Mittel des expressionistischen Holzschnitts mit seiner Zackigkeit, Dynamik und Abstraktion wie alle Architekturentwürfe Habliks ein eigenständiges Kunstwerk und Sujet darstellt.

Anlässlich der Sonderausstellung „Flächenbrand Expressionismus. Holzschnitte aus der Sammlung Joseph Hierling“ präsentiert das Wenzel-Hablik-Museums den Holzschnitt neben einer kleinen Auswahl in seiner Dauerausstellung im Obergeschoss.

Kunstwerk des Monats August

Wenzel Hablik, Großer Falke, 1923, Messing, Kupfer, Silber, 27,5 x 7,3 x 14,3 cm

1923 schuf Wenzel Hablik (1881-1934) die Metallplastik Großer Falke. Sie gibt die die Gestalt eines Falken in abstrahierter, geometrisierter Form wieder. Prismatisch abgeknickte, scharfkantige Flächen aus Messing- und Kupferblech bilden Krallen, Flügel, Schwanz und Brustkorb des Tieres. Die Kanten, wo die Metallbleche gefaltet oder zusammengelötet wurden, evozieren in Verbindung mit der glatten, glänzenden Oberflächenbeschaffenheit Dynamik und Bewegung. Die Bewegungslinien des Unterkörpers werden vom Schwung des Halses und dem Kopf des Falken mit charakteristisch hakenförmig nach unten gebogenen Oberschnabel gebrochen. Ritzungen in der Materialoberfläche am Hals, Kopf und Schweif deuten das Federkleid in der ansonsten glatt polierten Oberfläche an. Die Zierfigur aus Messingblech erinnert an die frühkubistische Plastik eines Alexandr Archipenko (1887-1964), der die kubistische Geometrisierung der Form von der Malerei in die Plastik übertrug.

Der Falke war ein Lieblingsmotiv des Künstlers. Das Motiv findet sich sowohl in seinem Textildesign, seiner Grafik und Malerei als auch auf dem eigenen Grabstein. Hablik wählt ihn auf einem eigenen Exlibris zum ‚Wappentier‘ (1913), da er sich wohl – seiner Reiselust folgend – selbst als Wanderfalken sah.

Die Kunsthandwerkerin Liane Haarbrücker (1902–1977), die sich in Habliks Werkstatt ausbilden lässt, fertigt bis 1930 Metallarbeiten nach Habliks Entwürfen an. Seit 1921 entstehen aus ihrer Hand Tierfiguren aus Metall. Anders als der Große Falke, der Kunstwerk und reines Schauobjekt ist, sind einige Tierfiguren auch als Gebrauchsgegenstände konzipiert. Diese lassen sich wie eine Dose öffnen und waren zur Aufbewahrung von Gegenständen im alltäglichen Gebrauch. Hablik stellt Großer Falke gemeinsam mit anderen Tierplastiken 1924 in der Sturm-Buchhandlung in der Galerie von Herwarth Walden in Berlin aus. Das Publikum der Großstadt ist begeistert. Heute kann der Große Falke in der Dauerausstellung im Obergeschoss betrachtet werden