Kunstwerk des Monats

Kunstwerk des Monats April 2021

Armlehnstuhl, 1912-1915, Ebenholz, Leder, Chenille, 151 × 68 × 60 cm

Für Wenzel Hablik, der bereits mit 14 Jahren eine Ausbildung in der väterlichen Tischlerei abgeschlossen und unter anderem an der Kunstgewerbeschule des K.K. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie studiert hatte, stellte das Möbeldesign in den 1910er Jahren eine erste konstante Einnahmequelle dar.

Sein Mäzen, der Holzgroßhändler Richard Biel beauftragt ihn mit der Neugestaltung der Innenräume seiner Villa in Itzehoe, die Hablik von 1911 bis 1915 mit einer perfekt auf den Besitzer abgestimmten Einrichtung ausstattet. Zu der Holzvertäfelung der Wände, Decken und Türen im Entree, Salon und Esszimmer kommt eine Möbeleinrichtung aus Einbaumöbeln, Schränken, Sesseln, Kommoden und Vitrinen.  

Zu den prunkvollen Salonmöbeln gehört der Armlehnstuhl für die Gemahlin seines Mäzens Juanita Biel. Der thronartige Sessel aus kostspieligem Ebenholz greift mit seinen geschwungenen Formen und Voluten an Armlehne und ‚mannshoher‘ Rückenlehne Elemente aus dem Wiener Jugendstil auf.

Der Armlehnstuhl ist mit Leder und Chenille aus der Museumsweberei in Meldorf bezogen. Für die Weberei liefert Hablik seit 1907 Entwürfe, die von der Leiterin Elisabeth Lindemann, seiner späteren Ehefrau, in Webmuster umgesetzt werden. Den Stoff ziert ein Rautenmotiv in kleinem Rapport, strukturiert von einem groben Karomuster in Hell- und Dunkelbraun. Die dunklen Polsternägel dienen neben dem Stoff als weiteres Dekorelement. Die materiale Wertigkeit, die hohe Rückenlehne und die Zierelemente angelehnt an den Wiener Jugendstil kommen gewiss dem Repräsentationswunsch der Auftragsgeber für die Salonmöbel entgegen.

1916 tritt Wenzel Hablik dem Deutschen Werkbund bei. Die proklamierten Ideale eines an Material- und Werkgerechtigkeit, Zweckmäßigkeit und Gediegenheit ausgerichteten Designs entsprechen Habliks eigenen künstlerischen Ansprüchen.

Der Armlehnstuhl kann in der Dauerausstellung im Obergeschoss oder im online Rundgang durch das Museum (http://wenzel-hablik.de/museum/rundgang/) betrachtet werden.

Kunstwerk des Monats März 2021

Elisabeth Lindemann, o.T. (Schiffe), Wandbehang, 1906, Entwurf Erich Kleinhempel, Gobelinweberei, 59 x 78 cm

Elisabeth Lindemann zählt zu den frühsten Vorreiterinnen bei der Erneuerung der deutschen Handwebkunst. In einer Zeit in der das traditionelle Handwerk des Handwebens durch die Industrialisierung in seiner Existenz bedroht war, gelang es ihr mit handwerklichen und künstlerischen können und wirtschaftlichem Verständnis eine erfolgreiche Weberei zunächst in Meldorf und dann in Itzehoe aufzubauen. Sie verlässt 1898 als älteste Tochter einer großbäuerlichen Familie die ländliche Dithmarscher Heimat und lässt sich in Dresden in der privaten Zeichenschule der JugenstilkünstlerInnen Erich und Gertrud Kleinhempel zur Musterzeichnerin ausbilden. Da Frauen für das Studium an öffentlichen Intuitionen nicht zugelassen waren, war um die Wende des 20. Jahrhunderts für sie häufig die einzige Alternative sich an privaten Schulen auszubilden. Selbstbestimmt wählt Lindemann den Beruf der Weberin.

Für den in Gobelintechnik hergestellten Wandbehang nach dem Entwurf ihres ehemaligen Lehrers, Erich Kleinhempel, verwendete Elisabeth Lindemann zum ersten Mal ungefärbte Schafwolle. Die bildnerische Darstellung zeigt ein Langschiff mit drei Masten vor einem bewaldeten Ufer und einem mit Wolkenteppich teilweise verhangenen Himmel. Eine Vielzahl von Vögeln – vermutlich Möwen – am Himmel und in der Nähe der Masten lockern die Komposition. Elisabeth erhielt auf der 3. Deutschen Dresdener Kunstgewerbeausstellung 1906 für den Wandbehang die silberne Medaille.

Vom Süderdithmarscher Landrat berufen, übernimmt Sie im Jahr 1902 mit Anfang zwanzig die Leitung der Museumsweberei in Meldorf und bildet in der angeschlossenen Webschule aus. Zu dem Zweck gegründet, das alte Webhandwerk zu erhalten und neu zu beleben, gehören zum Repertoire der Museumsweberei vorwiegend traditionelle Muster, die weiterentwickelt werden. Textilien des täglichen Bedarfs bildeten die Grundlage der ersten Jahre. Der sehr geringen finanziellen Mittel wegen, mussten Stoffe ersonnen werden, „die weitesten Kreisen gefielen, die preiswert waren und haltbarer und schöner als die angebotene Fabrikware.“

Der Wandbehang von Elisabeth Lindemann kann in der aktuellen Sonderausstellung der Kieler Künstlerin Anke Müffelmann entdeckt werden.

Kunstwerk des Monats Februar 2021

Zyklus „Schaffende Kräfte“, Blatt 2, 1909, Radierung, Bildtafel: 19,4 x 194 cm, Schrifttafel: 9,3 x 9,3 cm

Schrifttafel: „Furchtbar ist es über den Sternen – und deine Seele findet eher nicht ihren Gott – bis dass sie zwiefach nicht den Leib vernichtet.“

1909 lässt Hablik seinen Radierzyklus Schaffende Kräfte mit je 20 Bild- und Schrifttafeln drucken. Mit den ersten Radierungen beteiligt sich Hablik bereits 1908 an der XVI. Ausstellung der Berliner Secession. 1912 präsentiert dann Herwarth Walden in seiner Berliner Galerie „Der Sturm“ Habliks kompletten Radierzyklus neben Werken von Pablo Picasso, Wassily Kandinsky, Oskar Kokoschka und Paul Gauguin. Für Hablik ein erster künstlerischer Durchbruch.

Der Zyklus handelt von den schöpferischen Naturkräften und dem nach Erkenntnis strebenden Menschen. Diese Kristallbauten oder Bergarchitekturen befinden sich in unwegsamem Gelände zwischen Schluchten, auf Bergspitzen, im Meer oder in den Wolken (Blatt 2) und vermitteln metaphorisch den beschwerlichen Weg bis zur Realisierung des Ideals. Im gesamten Zyklus wird der menschlichen Schöpfungskraft, die Vergänglichkeit des Menschen im Werden, Sein und Sterben gegenübergestellt. Jedem Blatt sind Sinnsprüche zugeordnet, die jeweils in unterschiedlicher Typografie umgesetzt sind und die Aussagen der Bildtafeln unterstützen.

Dem Betrachter begegnet eine Fülle von Naturelementen in den Bilddarstellungen, die, ebenso wie die Sinnsprüche, zahlreiche Motive und Ausdrucksformen aus Friedrich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ aufnehmen. In Anlehnung an Arthur Schopenhauer, der Natur und Kunst als Einheit definiert, sieht der Künstler Hablik sich als Teil und wissender Beobachter der Natur. »So können Sie mich in irgendeiner Form auf jedem einzelnen der Blätter finden, jetzt ein Adler, dann ein Steinbock, eine schöne Ziehwolke, ein junger Falke – oder ein anderer schneller Vogel.«

Heute kann eine Auswahl des Grafikzyklus in der Dauerausstellung im Obergeschoss oder im online Rundgang durch das Museum (http://wenzel-hablik.de/museum/rundgang/) betrachtet werden.

Kunstwerk des Monats Januar 2021

Saturndose, 1922, Messing, Kupfernieten, 31 x 35,7 x 35,7 cm, Ausführung Liane Haarbrücker, Berlin

Den deutsch-böhmischen Künstler Wenzel Hablik inspiriert seine Faszination für das Universum zu großformatigen Ölbildern vom Sternenhimmel und zu Zeichnungen und Grafiken mit Flugkörpern und fliegenden Planeten. Mit der Saturndose greift er das Thema 1922 im Bereich Design auf. Die aus Messingblech gefaltete sternförmige Dose erinnert an die Gestalt des Himmelskörpers Saturn mit seinem charakteristischen Ringsystem. Im Jahr 1925 greift Hablik auf einer Radierung die Form des Saturns in Gestalt einer Entdecker-Siedlung erneut auf.

Die Saturndose ist sowohl als eigenständige Plastik ein Kunstobjekt als auch ein Gebrauchsgegenstand. Sie verbirgt ihr Dasein als Nutzungsobjekt jedoch, da sie nicht die für ein Gebrauchsgegenstand typische äußere Erscheinungsform aufweist. Die obere Halbkugel lässt sich abnehmen. Es heißt, sie habe den Habliks zeitweise als Keksdose gedient.

Die Saturndose greift Habliks utopische Motivik auf und erfüllt Habliks Anspruch im Sinne des Gesamtkunstwerks allen Dingen des Lebensalltags eine neue, nach seinen künstlerischen Idealen gestaltete, bis ins kleinste Detail ausgefeilte Form zu geben.

Die Gründerzeitvilla, die das Ehepaar Hablik 1917 in der Talstraße in Itzehoe erwirbt, nimmt neben dem Atelier des Künstlers, eine Edelsteinschleiferei und eine Metallwerkstatt auf. Die Kunsthandwerkerin Liane Haarbrücker (1902–1977), die sich in Habliks Werkstatt ausbilden lässt, fertigt bis 1930 Metallarbeiten nach dessen Entwürfen an. Sie setzt auch die Saturndose nach einem Entwurf des Künstlers um.

Heute kann die Saturndose in der Dauerausstellung im Obergeschoss oder im online Rundgang durch das Museum (http://wenzel-hablik.de/museum/rundgang/) betrachtet werden.

untere Abbildung: Wenzel Hablik, Zyklus „Architektur“, Blatt 20, Entdecker-Siedlung, 1925, Ausschnitte, Foto: Wenzel-Hablik-Siftung, Itzehoe

Kunstwerk des Monats Dezember 2020

Notgeld für die Stadt Itzehoe, 1 Mark-Schein, 1921, Chromolithografie, beidseitig bedruckt

Es ist eine intim-peinliche, aber auch zutiefst-menschliche Situation – einem (Pfeife rauchenden) Mann bleibt ohne Toilette weit und breit, nur die Wahl sich im Freien auf eine Blumenwiese hinzuhocken und zu erleichtern. „Not kennt kein Gebot,“ heißt es unter der humorvollen Darstellung auf dem 1 Mark-Notgeldschein für die Stadt Itzehoe von 1921. Die Notsituation, die Wenzel Hablik bei der Gestaltung eines Notgeldscheines verarbeitet, stellt er damit in den Zusammenhang der sozialen und wirtschaftlichen Krise nach dem Ersten Weltkrieg. Auf der Rückseite des Notgeldscheins sind die steigenden Preise von Gütern aus 1913 und 1921 im Vergleich gegenübergestellt. Sie führen uns auch heute das Ausmaß der Inflation wirkungsvoll vor Augen.

Die Rüstungskosten des Ersten Weltkriegs und die Reparationen, die die Siegermächte in Folge des Versailler Vertrages vom Deutschen Reich forderten, führten zum inflationären Verfall der einheitlichen Reichswährung. Zunächst führte der kriegsbedingte Metallbedarf dazu, dass immer weniger Münzen, deren Metallwert bald den Nennwert überstieg, in Umlauf kamen. Die Kommunen, also Städte und Gemeinden, reagierten auf den Verfall der Reichswährung durch die Ausgabe eigener Notgeldscheine. Die Gültigkeit des Notgeldes war zumeist regional und zeitlich begrenzt.

Mit einer ersten Notgeldserie beauftrage die Stadt Itzehoe und der Kreis Steinburg Wenzel Hablik im Herbst 1918 (1-, 2-, 5-, 10-, 20-, und 50-Mark-Schein). Es folgten Notgeldserien nach Entwürfen des Itzehoer Künstlers im Jahr 1921 (25 Pf., 50 Pf., 75 Pf., 1 Mk.) und 1923 (1-Millionen- und 5-Millionen-Mk.-Schein), die in Fachkreisen als Meisterwerke des deutschen Notgeldes betrachtet werden. Die von Ironie geprägten Entwürfe Wenzel Habliks stechen aus dem beachtlichen Konvolut an Notgeld (es waren Ende November 1923 über 700 Notgeld-Trillionen im Umlauf) heraus, da sie mit ihrem modernen Design, die künstlerischen Strömungen der Zeit aufgreifen und zugleich die zeichnerischen Möglichkeiten der Schrift als bildkünstlerische Ausdrucksquelle ausloten. Eine Auswahl der Notgeldscheine ist in einer Vitrine in der Dauerausstellung des Wenzel-Hablik-Museums präsentiert.

Kunstwerk des Monats November 2020

Grüne Moschee, Brussa, 1911, Öl auf Leinwand, 120 x 120 cm

Für drei Monate reist Wenzel Hablik im Jahr 1910 über Italien und Griechenland nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. In über 200 Zeichnungen hält er seine Begeisterung für das Licht und die Farben des Südens, den Formenreichtum der orientalischen Kunst und die Lebensweise der Menschen fest. Aus über dreißig Briefen, die er von seiner dreimonatigen Reise an seinen Förderer Richard Biel schreibt, sind wir über den Reiseverlauf und seine Reiseeindrücke genau informiert. Der Künstler erlebt, wie auch die meisten anderen Touristen seiner Zeit, vor allem die „fabelhafte Lebensglut und Farbensonne des Orients“ und ein „Märchenland voller Abenteuer“. Wie der Kunsthistoriker Dr. Axel Feuß es treffend darlegt, ist Hablik  Annäherung an das Exotische und seine emotionale und künstlerische Verarbeitung der auf der Reise gewonnenen Eindrücke im Kontext und der Tradition der Italiensehnsucht und der Künstlerreisen des 19. Jahrhunderts zu betrachten.[1] Die Lebensrealität der heimischen Bevölkerung ist freilich eine Andere. Seitdem letzten Viertels das 19. Jahrhunderts erschüttern politische, wirtschaftliche und soziale Krisen das Osmanische Reich. Der Großteil der Istanbuler Bevölkerung, die aus allen Teilen des Vielvölkerstaates in die Hauptstadt kam, lebt in Armut und fristet ihren Lebensunterhalt als Gelegenheitsarbeiter und Verkäufer.

Gegen Ende seiner Reise unternahm Hablik eine Schiffsreise von Konstantinopel nach Mudanya in Kleinasien. Der Ausflug umfasste auch den Besuch der damals noch ländlichen Stadt Bursa, wo er in einer Zeichnung die Grüne Moschee (türkisch: Yeşil Cami) festhielt, die in der von links ansteigenden Landschaft zwischen Zypressen hervorragt. Zurück in Itzehoe schuf Hablik mit Hilfe der Zeichnung, auf der er auch Anmerkungen zur Farbgebung notiert hatte, ein Ölgemälde des Motivs. Das 1911 in einem achteckigen Format gemalte Ölbild der Grünen Moschee, Brussa erinnert an die arkadischen Stimmungslandschaften aus denen Bauwerke und Statuen herausragen des vom Künstler verehrten Malers Arnold Böcklin. Auch Habliks Ansicht der Grünen Moschee, die wie einige naheliegende Häuser zwischen den Zypressen hervorragt, ist in erster Linie ein Stimmungsbild. Mit pastosen Farbauftrag und mit einer auf leuchtendes Violett, Blau, Grün, Gelb und Orange reduzierten Farbpalette erweckt Hablik die Farben der orientalischen Landschaft, das Flimmern des Sonnenlichts um die frühosmanische Moschee und seine Ergriffenheit vor der Natur zum Leben. Das Gemälde Grüne Moschee, Brussa, dass dank einer Spende der Fielmann Stiftung erst kürzlich in die Sammlung der Wenzel-Hablik-Stiftung eingehen und restauriert werden konnte, ist nun in der Dauerausstellung des Wenzel-Hablik-Museums zu sehen.


[1] Axel Feuß, WENZEL HABLIK IN DEN GASSEN VON STAMBUL. DER BLICK AUF DIE FREMDE KULTUR UND DIE FOLGEN FÜR DIE KUNST, in: Nordelbingen. Beiträge zur Kunst- und Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins, Bd. 78, Heide 2009, S. 153-174.

Kunstwerk des Monats Oktober 2020

Zyklus „Das Meer“, Blatt 8, o.T., Eine frische Brise, Helgoland, 1915, Radierung, 30,0 x 45,2 cm (zwölfeckig)

Für Wenzel Hablik war die Natur stets die bedeutendste Inspiration für sein Schaffen: die Bergwelt mit ihrem Kristallvorkommen, die er seit seiner Kindheit kannte, ebenso wie ab seiner Ankunft in Norddeutschland im Jahr 1907 die Urgewalt des Meeres. Nach mehreren Aufenthalten auf den Nordseeinseln und einer Reise nach Finnland und in den Orient vereint Hablik 1912-15 seine Impressionen der verschiedenen Meere in dem Radierzyklus „Das Meer“. Eine Folge bestehend aus 10 Radierungen, die 1915 bei Otto Felsing in Berlin gedruckt wird. 

Blatt 8 zeigt ein kleines Segelboot bei einer frischen Brise mit starken Wellengang vor der Insel Helgoland. An der Darstellung reizt vor allem die Dynamik und Ornamentik der aufgepeitschten Wellen, die den Betrachter tief in die Darstellung hineinzieht. Bei genauerer Betrachtung lassen sich sogar eine Vielzahl von Meeresbewohnern in den Wogen entdecken.

Die einzelnen Motive entstehen aus einer Masse feinster Linien und zahlloser Arabesken und Muster. Hablik bezieht sich auf Motive und Stilmittel aus der japanischen Grafik. Die Wellendarstellungen zeigen Anklänge an japanische Vorbilder: In den Streifenornamenten in den rollenden Fluten und auf Blatt 7 Sturm, Brandung, Sylt mit den Formen überkippender Schaumkronen nach dem Vorbild der „Woge“ von Hokusai. Japanische Farbholzschnitte kannte Hablik spätestens seit seiner Studienzeit an der Wiener Kunstgewerbeschule; 1903 erwarb er eine Monographie über Hokusai.

Das für eine Radierung ungewöhnliche zwölfeckige Bildfeld ist darauf zurück zu führen, dass der Künstler die Folge als Vorlage für eine großformatige Gemäldeserie gedacht hat. Die Gemälde sah Hablik für zwölfeckige Bildfelder in einem Schautempel zur Preisung der Naturgewalt vor, die aber wie der Tempel nie zur Ausführung kamen. Der Radierzyklus, obwohl nur als Studie gedacht, erhielt positive Kritik: „[…] diese Blätter sind von großer Schönheit, und man ist fast unbefriedigt, daß der Künstler sie nicht als endgültige Fassung gelten lassen will […]“ (Bremer Nachrichten: Wenzel Hablik im Gewerbemuseum, 22.7.1917)

Eine Auswahl aus dem Zyklus ist im Rahmen der Sonderausstellung Ukiyo-e. Bilder der fließenden Welt. Japanische Holzschnitte des 17.-20. Jahrhunderts. Sammlung und Kunststiftung Spielmann-Hoppe in einer Kabinettausstellung im Obergeschoss des Wenzel-Hablik-Museum, wo eine Gegenüberstellung von Radierungen Wenzel Habliks und Holzschnitten Katsushika Hokusais präsentiert wird, noch bis zum 8. November 2020 zu sehen.

Kunstwerk des Monats September 2020

Dekorationsstoff „Nautilus“, 1912, Jaquardgewebe, Baumwolle, 174 x 130 cm

In Itzehoe trifft Wenzel Hablik 1907 auf die Webmeisterin Elisabeth Lindemann, die zu dem Zeitpunkt bereits seit fünf Jahren erfolgreich die Museumsweberei in Meldorf leitet. Zu dem Zweck gegründet das alte Webhandwerk zu erhalten und neu zu beleben, gehören zum Repertoire der Museumsweberei vorwiegend traditionelle Muster, die weiterentwickelt werden. Elisabeth Lindemann – in Dresden zur Musterzeichnerin ausgebildet – entwirft neue Motive. Sie fordert den jungen Künstler, der nach einem Studium in Wien vom Secessionsstil geprägte frische Ideen mitbringt, Entwürfe zu liefern.

Bei der Entwicklung von Stoffmustern greift Hablik auf eine Methode zurück, die bei dem Entwerfen von Mustern unter den Jugendstilkünstlern sehr beliebt war und an der Wiener Kunstgewerbeschule vermittelt wurde. Die in der Natur vorgefundenen Formen und Strukturen werden studiert, erfahren eine Abstraktion und entwickeln sich als Wiederholung dargestellt zu einem Ornament. So entstehen nach Habliks Entwürfen Stoffe und Wandbehänge, wie beispielsweise der Dekorationsstoff Nautilus aus dem Jahr 1912. Das Ornament beruht auf der stilisierten Darstellung der Spiralwindungen der Nautilusschnecke. Die effektvolle Umsetzung des Musters, für die Lindemann zuständig ist, wird nicht durch Farbkontraste gelöst, sondern durch den Einsatz unterschiedlicher Webstrukturen in Grund- und Musterpartie.

Über die Jahre entwickelt sich eine erfolgreiche Symbiose zweier Meister auf ihrem Gebiet. 1917 heiraten sie und gründen die Handweberei Hablik-Lindemann in Itzehoe. Die Weberei erwirbt sich schnell einen ausgezeichneten Ruf und ist ab 1921 bei den wichtigsten Kunstgewerbeausstellungen und Messen vertreten. Das Herstellungsprogramm ist für einen reinen Handwerksbetrieb bezeichnend: Zu den Erzeugnissen gehören Wandbehänge, Kleidung, Möbelbezugsstoffe, Teppiche, Gardinen und vieles mehr. Zum Kundenkreis der Weberei zählen Bruno Taut, Mies van der Rohe sowie die Brüder Hans und Wassili Luckhardt.

Kunstwerk des Monats Juli 2020

Sylt, Brandung, 1907, Öl auf Leinwand, 50,5 x 50,5 cm

Im Sommer 1907 plant Wenzel Hablik mit dem befreundeten Künstler Otto Ewel, eine gemeinsame Kunstschule in Königsberg aufzubauen. Auf einer gemeinsamen Reise auf die Frische Nehrung erfreut Hablik sich an der Naturgewalt der Ostsee, die ihn zu ersten Meerbildern inspiriert. Kurzzuvor hatte Ewel ihm den Literaten und Herausgeber der Zeitschrift Kunstwart, Ferdinand Avenarius (1856 – 1923) vorgestellt, der ihn als Stipendiat der Kunstwart-Stiftung in sein Haus auf Sylt einlädt – so führt Habliks Weg im August 1907 nach Schleswig-Holstein. Auf Sylt fesselt Hablik die Konfrontation mit dem Meer. Er versteht es die erlebte Atmosphäre der bewegten Natur eindrucksvoll festzuhalten. Sei es in monumentalen Ölbildern oder auch auf kleinen Formaten. Sylt, Brandung zeigt sogar nur noch einen Wellenausschnitt. Dem Künstler gelingt es die Energie mit pastosem Farbauftrag auf die Leinwand zu bannen. Mit dem Spachtel senkrecht nebeneinander gesetzte Striche in konstatierendem Schwarz und Weiß verkörpern die tosende Gischt. Die horizontalen Farblinien zeigen die sich auftürmende Welle an.

Extreme Wetterlagen als unmittelbares Naturerlebnis reizen Hablik besonders. In seinem Tagebuch notiert der Künstler am 15. August 1908 überschwänglich:

„Eben ein Meerbild begonnen. Vom Sturm gepeitschte ungeheure Wogen wie ich sie nie gesehen – wohl aber die gleiche Gewalt trage ich in mir. Ich habe lange gesucht der furchtbaren Kraft die in letzter Zeit meine Brust erfüllte Gestalt zu geben. (…) – brachs endlich los mit ungeheurer Kraft. So stark, dass kein Werkzeug mir genügte die Farbe aufzutragen u. ich einfach mit der ganzen Hand in die Farbe griff wie ich sie aus der Tube gepresst, um sie auf die Leinwand zu schmieren. Ganz von selbst begann sich die Leinwand in ein wogendes Meer zu wandeln – die einzige Form die ich für die tausend Gefühle meines Innern brauchen konnte. […] Niemals aber auch hat jemand vor mir das Meer so gemalt wie ich. Niemals kann es jemand heißer geliebt haben – besser – tiefer gefühlt. Wenn es ein Lebewesen wäre es müsste mich geboren haben.“

Aus dem Zitat spricht sein Verständnis von einer urgewaltigen schöpferischen Natur. In Anlehnung an Schopenhauer, der Natur und Kunst als Einheit definiert, sieht der Künstler Hablik sich als Teil und wissender Beobachter der Natur.

Wie andere Expressionisten malt Hablik seine Meerbilder nicht vor der Natur, sondern aus der Erinnerung und meist ohne Vorzeichnung. Dabei geht es ihm nicht darum, die Natureindrücke möglichst realitätsgetreu zu malen, sondern vielmehr das Erlebte umzuformen.

Kunstwerk des Monats Juni 2020

Zyklus „Architektur“, Blatt 18, Glas-Eisenhaus im Meere, 1925, Radierung, 33,2 x 31,6 cm (trapezförmig)

1925 widmet Wenzel Hablik sich mit dem Radierzyklus „Architektur“ ein letztes Mal der utopischen Architektur zu, einem Werkbereich, der ihn rund zwei Jahrzehnte wiederholt beschäftigte. Auf zwanzig Blatt fasst er seine Arbeit zum Wohnen einer Gesellschaft von Übermorgen zusammen. Die durch die Radiertechnik gegebene serielle Produktion und Handlichkeit der Grafiken sollte es Hablik ermöglichen, seine Ideen einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Er versendet den Zyklus noch bis Anfang der 1930er Jahre an Freunde und Interessierte.

In einem Manifest, das als Einleitung zum genannten Zyklus „Architektur“ fungiert, beschreibt Hablik einen „neuen Geist in [der] Architektur“, der die „Basis für eine neue Religion und Weltanschauung, den Zusammenhang der Völker der Erde“ bilden sollte. Der Zyklus gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil der Radierfolge nimmt auf neun Blatt unter dem Motto „Übergangsbauten“ vorangegangene Entwürfe für Ausstellungsgebäude auf, die jetzt den Titel Grand Canon Bauten tragen. Zum zweiten 11 Blatt umfassenden Teil mit dem Thema „Utopien“ gehören die Dome und freitragenden Kuppeln, die kristallinen Landschaften aus der Zeit der Gläsernen Kette (1919/1920) und die elf Jahre zuvor entstandenen Entwürfe für fliegende Siedlungen.

Zum zweiten Teil des Zyklus gehört das Blatt 18, das wie alle Bildmotive von einer trapezförmigen Platte auf ein quadratisches Papier gedruckt wurde. Es zeigt aus der Untersicht ein „Glas-Eisenhaus im Meere“, wie eine Beischrift in eckiger Versalschrift über Funktion und Materialien gleichermaßen informiert. Die weiter als „technische Insel“ ausgewiesene Konstruktion „kann bei Sturm tauchen“. Ein Großteil des „Glas-Eisenhaus[es]“ – wie das kegelförmige Unterteil – befindet sich unter der Wasseroberfläche. Die Konstruktion erinnert an eine Wasserboje in Form eines Doppelkegels. Vier Seile verankern die „technische Insel“ mit dem Meeresboden. Andockstationen für U-Boote ermöglichen die Hin- und Abfahrt.

Das Glas-Eisenhaus im Meere ist neben neun weiteren Radierungen aus dem Zyklus „Architektur“ in der Jubiläumsausstellung Glashäuser, Luftgebäude und Sternengrüße. Utopien des Bauens. Wenzel Hablik und der Briefzirkel »Gläserne Kette« zu sehen. Die Lauftzeit der Ausstellungs ist bis zum 16. August 2020 verlängert.

Kunstwerk des Monats April 2020

Cyklus utopische Architekturen. Flugzeugtürme, Silos, Künstlerwohnungen, 1921, Öl auf Leinwand, 94 x 189,5 cm

Das Ende der Gläsernen Kette – einem Briefzirkel von Architekten und Künstlern, die ein Jahr lang Vorstellungen einer utopischen Architektur in kristallinen Formen verhandeln – im Dezember 1920 ist für Wenzel Hablik eine große Enttäuschung. Seine Bemühungen den Architekten Bruno Taut, der inzwischen als Stadtbaurat in Magdeburg tätig ist, für eine Weiterarbeit zu begeistern laufen ins Leere. Hablik lässt sich dennoch nicht beirren und hält am Thema utopische Architektur fest.

Zur Sicherung seines in Zeichnungen erarbeiteten Formenkanons und der Verankerung in der Alltagswelt überträgt er das utopische Sujet in das Medium des Gemäldes. Im Mai 1921 malt er drei Ölgemälde; wozu auch Cyklus utopische Architekturen. Flugzeugtürme, Silos, Künstlerwohnungen zählt.

Hablik hoffte vermutlich die Ölbilder mit utopischen Architekturensembles als festen Bestandteil seiner Innenarchitektur und Innendekoration an Käufer zu bringen. Ein Ölgemälde mit dem ungewöhnlichen Sujet der Kristallarchitektur als Teil der von Hablik entworfenen Innenarchitektur hatte er bereits 1914 an den Itzehoer Tapetengroßhändler Carl Stein und damit in eines der angesehensten Häuser der Stadt gebracht. Dies bot für Hablik eine Möglichkeit, die utopischen Ideen im Kreis seiner Sammler und Auftraggeber zu verankern.

Im Gemälde Cyklus utopische Architekturen. Flugzeugtürme, Silos, Künstlerwohnungen überträgt Hablik einige vorangegangene Architekturentwürfe in die Malerei. Die pseudosymmetrische Komposition mit einem zentralen Kristallbaum und flankierenden Türmen aus Kristallkuben folgt einem strengen Aufbau. In den Bauten lassen sich Architekturen, die aus den Blättern „Doppel-Wohnhaus“, „Aus der neuen Stadt“ und „Wohnhaus und Atelier“ stammen, ausmachen. Kreisrunde Wolkenbänder vor einem fahlgelben, von Lichtblitzen durchzuckten Himmel glorifizieren die utopischen Architekturen. Die Buntfarbigkeit des Gemäldes – sprich die leuchtende Farbigkeit aus kleinen kontrastreich kombinierten Flächen – orientiert sich an der Farbbehandlung der Expressionisten und der Fauves, insbesondere an den Farbkompositionen Robert Delaunays.

Die Einbindung der monumentalen Architekturen in eine bergische Landschaft, die von Terrassen mit Baumbewuchs und Wiesenflächen gekennzeichnet ist, entspricht Habliks Anspruch eine Einheit von Natur, Kunst und Technik zu erreichen.

Foto: Salon im Haus Carl Stein, 1914, Aufnahme um 1920

Kunstwerk des Monats März 2020

Wenzel Hablik, Freitragende Kuppel, 1919, Aquarell, Farbstifte, Bleistift auf Karton, 64,9 x 50 cm

Die „Freitagende Kuppel“ die Wenzel Hablik im Jahr 1919 entwirft, zeigt die Innenansicht eines oktogonalen Zentralbaus der in eine Kuppelkonstruktion aus übereck liegenden Galerien übergeht. Eine Konstruktion die nach Habliks Auffassung eine fast unbegrenzte Kuppelspannweite – „30 bis 1000 m D.M.“ – ermöglichen soll und die er in seinen utopischen Architekturentwürfen wiederholt aufgreift.

In dem Gebäude sollen sich Glas, Prismen, Farbe und Licht zu einer Rauminszenierung verbinden. Das Brechen des Lichts auf den farbigen Wänden lässt den Innenraum scheinbar aus sich selbst heraus erstrahlen.

Habliks Anspruch eine neue Einheit von Natur, Kunst und Technik zu erreichen teilt der Architekt Bruno Taut mit seinem Glashaus, das für die Werkbund-Ausstellung 1914 in Köln als Reklame-Pavillon der Glasindustrie entstanden ist. Hablik, der das Glashaus dort vermutlich gesehen hat, entwarf im selben Jahr einen ähnlichen Schautempel mit einer freitagenden Kuppelkonstruktion, die als begehbarer Umgang und Ausstellungsfläche gedacht war.

Als Taut im Herbst 1921 eine Zeitschrift mit dem Titel Frühlicht als „Folge für die Verwirklichung des neuen Baugedankens“ herausgibt, veröffentlicht Hablik dort einen Aufsatz über „Die freitragende Kuppel und ihre Variabilität, unter Berücksichtigung verschiedener Materialien und Verwendungsmöglichkeiten“ mit Grundrissen, Bauentwürfen und Detailplänen. Die Kuppelbauten und Türme nach dem von ihm erfundenen Prinzip übereck liegender „Eisenkonstruktionsringe“ sollen eine kristalline Architektur aus „gesetzmäßig ausgerichteten“ Modulen ermöglichen.

Die Freitragende Kuppel ist noch bis zum 14. Juni 2020 zu sehen in der Jubiläumsausstellung des Wenzel-Hablik-Museums Glashäuser, Luftgebäude und Sternengrüße. Utopien des Bauens. Wenzel Hablik und der Briefzirkel „Gläserne Kette“. Eine Reproduktion der aquarellierten Bleistiftzeichnung ist Teil der Ausstellung Bruno Taut: Beyond Fantasy, die am 6. März 2020 im Museum Het Ship in Amsterdam eröffnet.

Kunstwerk des Monats Februar 2020

Wenzel Hablik, Museum im Hochgebirge, 1920, Aquarell, Tusche auf Karton, 60,6 x 45,5 cm

Vor 100 Jahren tauschten sich in der Gläsernen Kette, einem der berühmtesten Briefzirkel für Architekten und Künstler des letzten Jahrhunderts, die Architektur- und Kunstavantgarde – unter Ihnen Wenzel Hablik – ein Jahr lang über utopische Architekturvisionen und Gesellschaftsutopien aus. Geboren aus dem Geist der Novemberrevolution 1918 gründet sich nach dem Vorbild der Arbeiter- und Soldatenräte zunächst der Arbeitsrat für Kunst (AfK), dessen Gründungsmitglieder die Architekten Bruno Taut und Walter Gropius umfasst. Der AfK unternimmt den Versuch aktiv an der Gestaltung der neuen politischen Ordnung teilzunehmen und die Architektur als Träger aller geistigen Kräfte zu etablieren. Es gibt aufgrund der wirtschaftlichen Not jedoch kaum Bauaufträge.

Wenzel Hablik macht in der vom AfK initiierten Ausstellung für unbekannte Architekten in Berlin mit utopischen Architekturentwürfen auf sich aufmerksam. Darauf wird er im Dezember 1919 von Taut aufgefordert an einem Briefwechsel, der später unter dem Namen Gläserne Kette bekannt wird, zum Thema des utopischen Bauens teilzunehmen. Als Geheimbund begriffen, verwenden die Mitglieder des Briefzirkels Decknamen und kommunizieren nur durch Rundbriefe und Architekturentwürfe in Form von Lichtpausen miteinander. Sie wollen mit den Mitteln der Architektur die Erneuerung der Gesellschaft vorbereiten und entwerfen in kristallinen Formen die Architektur der Zukunft für eine neue Gesellschaft. Hablik arbeitet insgesamt 26 Zeichnungen mit Hektografentinte auf Pergamentpapier aus und entwirft im Laufe eines Jahres eine ganze utopische Welt.

Spezialbauten wie das Museum im Hochgebirge, das Hablik als Lichtpause an die Gläserne Kette verschickt,sind als Lehrbeispiele für die Verbindung von Kunst und Natur gedacht. Die gelb und blau aquarellierte Tuschezeichnung zeigt einen Museumsbau aus den Materialien „Glas, Silber, Gold, Kupfer“. Die äußere Form des aus rechtwinklig verzahnten Kristallfächern konstruierten Baues erinnert an Berg- und Wismut-Kristalle. Sie ist ganz mit schweren Zackenprismen und Tetraedern überkrustet und mit Mäanderformen überzogen. Der Kristall, den der Künstler als höchstes Symbol der Naturschöpfung verehrt, steht in dem Kontext auch für Reinheit und Erneuerung. Die Kristallarchitektur ist eng verbunden mit der Vorstellung, dass die Menschheit in transparenten gläsernen Gebäuden eine befreite Existenz führen wird. Mit einem Strahlenkranz, der die Zackenformen des Bauwerks aufnimmt, versinnbildlicht der Künstler die Überhöhung der idealen, kristallinen Glasarchitektur. So denkt Hablik sich den Museumsbau auch „an schwer zugänglicher Stelle“ im „Hochgebirge“ zu dem „nur wirkliches Interesse [.] den Weg (findet)“.

Das Museum im Hochgebirge wird in der Jubiläumsausstellung Glashäuser, Luftgebäude und Sternengrüße. Utopien des Bauens. Wenzel Hablik und der Briefzirkel »Gläserne Kette« zu sehen sein, die 16. Februar 2020 eröffnet.

Kunstwerk des Monats Januar 2020

Wenzel Hablik, Tischlampe, um 1919, Ausführung Max Lohse, Itzehoe, Messing, Milchglas, 42,5 x 35 x 14 cm

Einen wichtigen Beitrag zur Moderne liefert Wenzel Hablik auf dem Gebiet der angewandten Kunst. In norddeutschen Wohnungen hinterlässt sein Wirken und sein Streben nach der Verwirklichung eines Gesamtkunstwerks Spuren. Zu seinem Repertoire gehören Textilien und Möbel, ebenso verschiedenste Metallarbeiten bis hin zu Kachelöfen und Lampen. Eine um 1919 entstandene Tischlampe entwirft Hablik als Sternenlampe mit hochovalem Corpus und zackenförmigem Kranz.

Diese Lampe stand im Schlafraum des Künstlers, wo auch sein frühstes Sternenhimmel-bild hing. Die Sternenlampe nimmt das Thema der Malerei mit ihren Planeten, Sternen und Kometen des Universums auf.

Für zahlreiche private und öffentliche Interieurs entwirft Hablik sowohl Deckenlampen als auch Tischlampen, die er bei dem Itzehoer Klempner Max Lohse ausführen lässt. Die Lampen nehmen Habliks Utopien nahestehende Motive wie den Stern, Kristall oder die Sonne auf. Der Künstler führt seit 1919 verstärkt Elemente in die Innendekoration ein, die in direkter Beziehung zu seinen kristallinen Architekturutopien stehen. Bereits beim Raumentwurf mitkonzipiert entsprechen die Lampen der avantgardistischen Formensprache des Gesamtkonzepts. Das meist streng geometrische Design der aus Milchglas zusammengesetzten quadratischen oder dreieckigen Lampen mit Messing-Profilen wirkt in seiner Schlichtheit zeitlos.

Ähnliche Ideen für Beleuchtungen entwickelt zur selben Zeit die Gruppe der böhmischen Architekturkubisten um Vlastislav Hofman, Josef Gočár und Pavel Janák. Kubistisch, kristalline und geometrische Formen finden sich in ihren kunsthandwerklichen Arbeiten, die durch die 1908 gegründete Artěl-Kooperative vertrieben werden und die Hablik durchaus bekannt gewesen sein können.

Die Tischlampe des Künstlers steht heute in der Dauerausstellung des Wenzel-Hablik-Museums.

Kunstwerk des Monats Dezember 2019

Wenzel Hablik,  »Cyklus Ausstellungs-Bauten. ›Würfel‹, Variante 3, A 11«, 1914/21, Feder und Pinsel in Tusche, Bleistift, Aquarell auf Karton, 62 × 47,5 cm

Wenzel Hablik widmet sich mit den Ausstellungsbauten nach kristallinen Grundformen innerhalb seiner utopischen Architektur einem Aufgabenbereich, der entgegen einem Großteil seiner expressionistischen Architekturentwürfe aus dem Phantastischen herausrückt und als baubare Architektur vorstellbar ist. Der Künstler entwarf zwischen 1914 und 1925 unterschiedliche Varianten turmartiger Ausstellungsbauten. Die Variante 3, A 11 zeigt einen turmartigen Ausstellungsbau auf quadratischem Grundriss, der aus vier kubusartigen gegeneinander über eck – jeweils um die halbe Grundseite des vorherigen – verdrehten Stockwerken aufgebaut ist. Den Bau bekrönt eine geometrische Glas-Konstruktion. Wege führen zum auf der Spitze eines Hügels gelegenen Bau, in den aus allen vier Himmelsrichtungen eine eigene Tür Einlass gewährt. Hablik inszeniert mit Strahlenkranz und Wolkenglorie eine expressive und idealistische Überhöhung des Bauwerks.

In der 1921 entstandenen Fassung findet sich neben der Betitelung „Cyklus Ausstellungs-Bauten. ›Würfel‹“ deraufschlussreiche Vermerk „Fluss[s]pat“. Ein Hinweis auf den kristallinen Ursprung des Konzepts, wobei der Aufbau aus den aufeinandergeschichteten und um 45° verdrehten Würfeln dem Mineral Flussspat in seiner würfelförmigen Gestalt entspricht. Damit wandte der Künstler das rein geometrische System der Kristalle auf die gesamte Außenarchitektur an. Er hatte erstmals ein in Eisenbeton und Glas auszuführendes architektonisches Äquivalent für den Kristall entwickelt. Dieser galt für den Künstler als höchstes Symbol der Naturschöpfung und stellte bereits die Grundlage seiner ersten utopischen, kristallinen Architekturentwürfe (1903/04) dar, den Frühsten der europäischen Kunstgeschichte überhaupt.

Hablik verfolgte die Überlegung, in seinen utopischen Tempeln und Ausstellungsbauten die Vermittlung von Kultur und die idealisierte Darstellung von Natur und Technik zu einem Instrument der Volkserziehung zu verbinden. Vier frühe Varianten seiner Ausstellungsbauten präsentierte er am 25. März 1919 im Graphischen Kabinett J.B. Neumann am Kurfürstendamm in Berlin in der „Ausstellung für unbekannte Architekten“ den der Arbeitsrat für Kunst in der jungen Weimarer Republik veranstaltete. Die Ausstellungsbauten fanden in der Pressekritik als Vermittler zwischen den zum Großteil phantastischen Entwürfen starke Beachtung. Max Osborn bekannte in der Vossischen Zeitung: „So etwas konnte in ähnlicher Form schon einmal Wahrheit werden“; Paul Fechter schrieb in der Berliner Norddeutschen Allgemeinen Zeitung: „Hier spricht konstruktive Phantasie.“

Das Blatt ziert heute den Wenzel Hablik Kalender für das Jahr 2020 und kann ab dem 16. Februar 2020 in der Sonderausstellung zur utopischen Architektur Habliks im Original betrachtet werden.

Kunstwerk des Monats November 2019

Wenzel Hablik, Studie im Alstercafe, Blick durch die Spiegelscheibe auf die Alster, um 1907, Öl auf Leinwand, 90,5 x 95 cm

Der Blick öffnet sich durch ein Lokalfenster auf die Hamburger Alster. Im Bildvordergrund – im Inneren des Lokals – stehen auf einem Tisch zwei Gläser und eine Etagere mit nicht identifizierbaren Speisen. Die angeschnittene Tischfläche rückt den Betrachter ganz nah ans Bildgeschehen und mit an den Tisch, dessen Abendgesellschaft allein als Spiegelung im Fenster auszumachen ist. Es sind die Gesichter zweier männlicher Besucher und einer Dame mit einem großen Hut und einem Glas in der Hand sowie die Lichter des Lokals, die sich in der Fensterscheibe über den Wassern der Alster spiegeln. Die Bars und Lokale der gegenüberliegenden Uferseite erhellen mit ihrem elektrischen Lichtern die Nacht.

Wenzel Hablik wählte für sein um 1907 entstandenes Ölgemälde ein ungewöhnliches Motiv und einen Bildausschnitt bei dem das Drinnen und Draußen ineinander verschwimmt und sich überlagert. Es sind wenige Farbtöne – das Blau der Nacht und das Gelb des elektrischen Lichtes – die das Bild bestimmen und Vorder- und Hintergrund bzw. die Spiegelung der Lokalgäste im Glas und nächtliche Alster-Szenerie zu einer Einheit verbinden. Habliks experimentelle Umgang mit Farbe und Bildkomposition fällt mit der Entwicklung eines zügigen, expressiven Pinselduktus zusammen, der seine Malerei in dieser Zeit bestimmt. Die Malweise erinnert an die aus dem Pointilismus entwickelte gestrichelte, buntfarbige Malerei von Vincent van Gogh, die Hablik auf der XVI. Ausstellung der Wiener Secession im Frühjahr 1903 gesehen haben könnte.

Auf seinen Reisen nach Hamburg und Berlin zeichnet Hablik bei Besuchen der dortigen Cafés und Bars zahlreiche Porträtskizzen und Genrestudien. Das gesellige Treiben der herausgeputzten Großstadtgesellschaft interessiert ihn als Bildthema. Im heute verschollenen großformatigen Ölgemälde Bar Riche führt er zwei Jahre später in der reich bevölkerten Lokalszene die luxuriösen Ausschweifungen der feinen Gesellschaft und ihre Posen und Grimassen karikaturhaft vor.

Das Ölgemälde Studie im Alstercafe, Blick durch die Spiegelscheibe auf die Alster hängt im Treppenaufgang in der Dauerausstellung des Wenzel-Hablik-Museums.

Kunstwerk des Monats Oktober 2019

Wenzel Hablik, Sammlungsvitrine, um 1919, Eiche, 181,5 x 70 x 70 cm

Die »Wunder der Natur« trägt Wenzel Hablik seit seiner Jugendzeit zusammen: er sammelt Kristalle, Muscheln und Schnecken, später kommen Käfer, Schmetterlinge und Korallen hinzu. Um eine optimale Präsentation dieser »Zauber-Gebilde«, wie er sie nennt, zu erlauben, entwirft er Sammlungsvitrinen für den Eigengebrauch und für seine Auftragsgeber, die auch die benötige Kristallsammlung über ihn erwerben können.

Für das eigene Heim in der Talstraße in Itzehoe entwirft er um 1919 eine große Sammlungsvitrine aus Eiche. Die Vitrine bietet mit vier Glaswänden, sowohl eine optimale Präsentation seiner Kristallsammlung als auch die Betrachtungsmöglichkeit der ausgestellten Naturobjekte von allen Seiten. Ferner schützt sie diese vor Staub und schädlichen äußeren Einflüssen.

An diesem Stück lassen sich auch die Stilelemente ausmachen, die charakteristisch für Habliks Möbel sind: Alle Kanten sind von Auskerbungen überzogen, so dass ein wellenförmiges Band entsteht und die skulpturalen Möglichkeiten des Holzes deutlich werden. Ausgesuchte Maserungen bilden auf den Fülltafeln des Unterschrankes ansprechende Symmetrien. Für Wenzel Hablik, der bereits mit 14 Jahren eine Ausbildung in der väterlichen Tischlerei abgeschlossen hatte und unter anderem an der Kunstgewerbeschule des Wiener Museums für Kunst und Industrie studierte, stellte das Möbeldesign in den 1910er Jahren eine erste konstante Einnahmequelle dar.

Die intensive Betrachtung seiner Kristallsammlung und das Studieren der Naturformen wurde maßgeblich für seine gesamte künstlerische Entwicklung. Die seine Kunst prägenden ästhetischen Prinzipien sind allesamt aus der Natur abgeleitet. Beeinflusst durch die Kunst und Literatur der Romantik, verehrte der Künstler die Natur sogar als höchste schöpferische Kraft und sah im Kristall das bedeutendste Symbol der Naturschöpfung. Nicht nur die Kunst, sondern auch die Natur sollte den Alltag durchdringen und durch direkte Anschauung, wie mit den Sammlungsvitrinen verwirklicht, erfahrbar sein.

Die Sammlungsvitrine steht heute im großen Sternenhimmel-Saal in der Dauerausstellung des Wenzel-Hablik-Museums.

Kunstwerk des Monats September 2019

Wenzel Hablik, Glas aus Erde I, um 1920, Holzschnitt, 16 x 20 cm, veröffentlicht in der Zeitschrift „Dithmarschen“, 2. Jg., 1. Heft, Büsum 1921, S. 19

Nur wenige Holzschnitte haben sich aus der Hand von Wenzel Hablik erhalten. Sie orientieren sich an dem Standard journalistisch veröffentlichter Künstlergraphik, die in Zeitschriften veröffentlicht wurde, wie die literarische und politische „Die Aktion“ oder „Der Sturm“ des Berliner Galeristen Herwarth Walden, und dem Expressionismus zum Durchbruch verhalf.

Wenzel Hablik stellte unter dem Titel „Glas aus Erde I“ neben zwei weiteren Holzschnitten, die er 1921/22 in der Zeitschrift „Dithmarschen“ veröffentlichte, seine utopischen Architekturen, erstmals dem heimischen Publikum vor. Strahlende Facettenkuppeln boten einen knappen Querschnitt durch die Arbeit des vorangegangenen Jahres. Auf Einladung von Walter Gropius hatte Hablik 1919 an der vom „Arbeitsrat für Kunst“ initiierten Ausstellung für „unbekannte Architekten“ in Berlin teilgenommen. Darauf forderte ihn Architekt Bruno Taut am Ende desselben Jahres zur Teilnahme an einem Briefwechsel zum Thema des utopischen Bauens auf. Im Geiste der Aufbruchsstimmung der Revolutionszeit verstanden sich die Mitglieder der Briefgemeinschaft als „imaginäre Architekten“, die den Bau der Zukunft für eine neue Gesellschaft entwarfen. Während eines Jahres schuf Hablik zahlreiche Entwürfe zu utopischen Architekturen in kristallinen Formen. In seinen Zeichnungen wich der symbolische Charakter der frühen Kristallbauten der Utopie eines wirklichen Bauens. Geometrische Muster aus Glasfacetten, Spitzen und Kuppeln aus Glas, vielarmige Türme in Form von Septerquarzen lösten den Bergkristall ab. Der Form des Kristalls entsprach die äußere Gestalt, als Materialien waren bearbeitete Felsen, Glas und Edelmetalle geplant.

In diesem Sinne verweist der Titel „Glas aus Erde I“ auf das Material in dem die mögliche Umsetzung des auf dem Holzschnitt dargestellten Baus gedacht war. Die äußere Form orientiert sich an den Strukturen des Wismut-Kristalls, die wie ein mäandrisches Motiv wirken. Die Architektur steht eindrucksvoll umgeben von Wasser in dem sich der kristalline Glasbau spiegelt und eine ätherische Strahlkraft von ihm zum Himmel ausgeht. Das Blatt zeigt in seiner künstlerischen Ausarbeitung weniger einen präzisen Architekturentwurf (auch wenn der Bau in den Bereich des Möglichen gerückt ist) als den Ausdruck einer Architekturutopie und einer ideellen Gesellschaft der Zukunft; das ausgearbeitet mit den künstlerischen Mittel des expressionistischen Holzschnitts mit seiner Zackigkeit, Dynamik und Abstraktion wie alle Architekturentwürfe Habliks ein eigenständiges Kunstwerk und Sujet darstellt.

Anlässlich der Sonderausstellung „Flächenbrand Expressionismus. Holzschnitte aus der Sammlung Joseph Hierling“ präsentiert das Wenzel-Hablik-Museums den Holzschnitt neben einer kleinen Auswahl in seiner Dauerausstellung im Obergeschoss.

Kunstwerk des Monats August 2019

Wenzel Hablik, Großer Falke, 1923, Messing, Kupfer, Silber, 27,5 x 7,3 x 14,3 cm

1923 schuf Wenzel Hablik (1881-1934) die Metallplastik Großer Falke. Sie gibt die die Gestalt eines Falken in abstrahierter, geometrisierter Form wieder. Prismatisch abgeknickte, scharfkantige Flächen aus Messing- und Kupferblech bilden Krallen, Flügel, Schwanz und Brustkorb des Tieres. Die Kanten, wo die Metallbleche gefaltet oder zusammengelötet wurden, evozieren in Verbindung mit der glatten, glänzenden Oberflächenbeschaffenheit Dynamik und Bewegung. Die Bewegungslinien des Unterkörpers werden vom Schwung des Halses und dem Kopf des Falken mit charakteristisch hakenförmig nach unten gebogenen Oberschnabel gebrochen. Ritzungen in der Materialoberfläche am Hals, Kopf und Schweif deuten das Federkleid in der ansonsten glatt polierten Oberfläche an. Die Zierfigur aus Messingblech erinnert an die frühkubistische Plastik eines Alexandr Archipenko (1887-1964), der die kubistische Geometrisierung der Form von der Malerei in die Plastik übertrug.

Der Falke war ein Lieblingsmotiv des Künstlers. Das Motiv findet sich sowohl in seinem Textildesign, seiner Grafik und Malerei als auch auf dem eigenen Grabstein. Hablik wählt ihn auf einem eigenen Exlibris zum ‚Wappentier‘ (1913), da er sich wohl – seiner Reiselust folgend – selbst als Wanderfalken sah.

Die Kunsthandwerkerin Liane Haarbrücker (1902–1977), die sich in Habliks Werkstatt ausbilden lässt, fertigt bis 1930 Metallarbeiten nach Habliks Entwürfen an. Seit 1921 entstehen aus ihrer Hand Tierfiguren aus Metall. Anders als der Große Falke, der Kunstwerk und reines Schauobjekt ist, sind einige Tierfiguren auch als Gebrauchsgegenstände konzipiert. Diese lassen sich wie eine Dose öffnen und waren zur Aufbewahrung von Gegenständen im alltäglichen Gebrauch. Hablik stellt Großer Falke gemeinsam mit anderen Tierplastiken 1924 in der Sturm-Buchhandlung in der Galerie von Herwarth Walden in Berlin aus. Das Publikum der Großstadt ist begeistert. Heute kann der Große Falke in der Dauerausstellung im Obergeschoss betrachtet werden